Der Name Greifswald
Man hat viele verschiedene Erzählungen darüber, woher der Name Greifswald stammen möge, so wie das Wappen der Stadt, welches in einem Greife besteht. - Einige meinen, es hätten in alten Zeiten, als der Rykfluß, an welchem die Stadt liegt, schiffbar gewesen, an der Stelle der jetzigen Stadt viele Seeräuber gewohnt, und weil nun auf Gothisch ein Seeräuber Grife oder Gripe heiße, so habe die Stadt davon ihren Namen bekommen. - Andere sagen, in der Gegend, wo jetzt die Stadt stehe, habe früher ein altes adliges Geschlecht gewohnt, welches Gripes geheißen, und welches wegen seiner vielen Räubereien zuletzt ausgerottet sey. Weil nun ein Theil von dem Walde, in welchem nachher die Stadt erbauet, dieser Familie zugehöret, so habe man die Stadt Gripeswald, und späterhin Greifswald genannt.
Noch Andere erzählen sich folgende Geschichte: An der Stelle, wo gegenwärtig die Stadt Greifswald liegt, war vor Zeiten ein großer, dichter Wald. Rund um denselben war Alles wüst und unbebaut, und es blühete nur die Gegend um das Kloster Eldena, welches nicht weit von dem Ausflusse des Ryks in die See liegt. Die Mönche dieses Klosters wollten dazumal eine Stadt anlegen, die zwar nicht weit von dem Kloster, aber besser im Lande liegen sollte. Sie schickten daher zu einer Zeit einige Leute aus, die einen guten Platz für die Stadt suchen sollten. Diese gingen immer den Rykfluß hinauf, bis sie nach einer Weile an eine schöne Stelle gelangten, welche ihnen gar herrlich dünkte, um allda die Stadt anzulegen. Sie begaben sich daher, um den Platz genauer zu untersuchen, von dem Ufer des Flusses ab, seitwärts in den Wald hinein, der sich dort befand. Auf einmal fanden sie daselbst auf einem abgebrochenen Baumstamme ein Nest, in welchem ein großer vierfüßiger Greif mit einem doppeltem Schwanze saß und brütete. Dies schien den Abgeordneten des Klosters ein gutes Zeichen zu seyn, und es wurde nun um so mehr beschlossen, an dieser Stelle die Stadt zu erbauen, welches auch geschah.
Der Platz, wo man das Greifennest gefunden, ist in dem Theile der Stadt gewesen, welcher jetzt der Schuhhagen heißt, und welcher bekanntlich die älteste Gegend der Stadt ist. Hier sind von den ältesten Zeiten her viele schreckliche Geschichten vorgefallen, und es ist auch jetzt noch immer nicht sicher daselbst. Früher hat der vertriebene Greif noch manches Kind da geholt und gefressen. Späterhin hat man da allerlei fürchterliche Gestalten gesehen. Bald ging des Nachts ein großes Weib herum mit einem Bunde Schlüssel, womit sie rasselte, und eine Heerde Ferkel vor sich hertreibend; bald sah man ein anderes Frauenzimmer mit einer Heerde schneeweißer Gänse. Bald setzte sich dort ein schwarzer Rappe, manchmal auch ein weißer Schimmel den Leuten auf die Schultern und drückte sie, daß ihnen das Blut aus Mund und Nase kam.
Joh. Bugenhagii Pomerania, p. 55.
v. Schwarz, Pommersche Städte-Geschichte, S. 98 folg.
Greifswalder wöchentlicher Anzeiger für 1818, Nr. 37 und mündlich.
Die Volkssagen von Pommern und Rügen, J. D. H. Temme, Berlin 1840, Nr. 116
Die Glocke in Stargard
Als vor alten Zeiten zu der St. Marienkirche in Stargard eine Glocke gegossen werden sollte, wurde bekannt gemacht, daß Alle, welche Pathen zu der Glocke werden wollten, zu derselben Metall bringen und in den Ofen werfen möchten, je mehr je besser. Darauf kamen viele Leute und opferten zu der Glocke, was in ihren Kräften stand. Die Reichen ließen silberne Geräthe vor sich hertragen, die sie prunkend vor ihren Augen in den Ofen werfen ließen; Andere brachten messingene Becken und Leuchter, oder auch nur einen zinnernen Teller oder einen Pfennig, wenn sie nicht mehr hatten; denn Jeder wollte sich um die Glocke ein Gotteslohn erwerben. Zuletzt kam auch eine alte Frau zu dem Ofen. Sie war ganz arm, und man wußte, daß sie gar nichts hatte. Die Leute verwunderten sich daher, was sie opfern werde, und man fing an, ihrer zu spotten. Sie kehrte sich aber nicht daran, sondern zog eine Schlange hervor, die sie in den glühenden Ofen warf, einige unverständliche Worte in die Flamme hineinmurmelnd. Was das bedeuten solle, sagte sie Keinem; aber als die Glocke fertig war und zum ersten Male anfing zu läuten, da merkte man den Segen der alten Frau. Denn von Stund' an verschwanden alle Schlangen rings um die Stadt, so weit man den Ton der Glocke hören konnte.
Mündlich.
Die Volkssagen von Pommern und Rügen, J. D. H. Temme, Berlin 1840, Nr. 269
Ein gespenstiger Reiter
Ein unbekannter Mann hatte sich gegen das Ende des XVII. Jahrhunderts bei einem Grafen von Roggendorf zum Bereiter angegeben und wurde, nach geleisteter Probe, zu Diensten angenommen und ihm eine ehrliche Bestallung gemacht. Es begab sich aber, daß einer von Adel bei Hof anlangte und mit diesem Bereiter an die Tafel gesetzt wurde. Der Fremde ersah ihn mit Erstaunen, war traurig und wollte keine Speise zu sich nehmen, ob ihm wohl der Graf deswegen freundlichst zugesprochen. Nachdem nun die Tafel aufgehoben war und der Graf den Fremden nochmals nach der Ursache seines Trauerns befragte, erzählte er, daß dieser Bereiter kein natürlicher Mensch, sondern vor Ostende ihm an der Seite erschossen sei, auch von ihm, dem Erzähler, selbst zu Grabe begleitet worden. Er gab auch alle Umstände an: des Toten Vaterland, Namen, Alter, und das traf alles mit dem, was der Bereiter von sich selbst gesagt, ein, so daß der Graf daran nicht zweifeln konnte. Er nahm daher Ursach, diesem Gespenst Urlaub zu geben mit Vorwenden, daß seine Einkünfte geringert und er seine Hofhaltung einzuziehen gesonnen. Der Bereiter sagte, daß ihn zwar der Gast verschwätzt, weil aber der Graf nicht Ursache hätte, ihn abzuschaffen, und er ihm getreue Dienste geleistet und noch leisten wolle, bitte er, ihn ferner an dem Hofe zu erdulden. Der Graf aber beharrte auf dem einmal gegebenen Urlaub. Deswegen begehrte der Bereiter kein Geld, wie bedingt war, sondern ein Pferd und Narrenkleid mit silbernen Schellen, welches ihm der Graf gerne geben ließ und noch mehr wollte reichen lassen, das der Bereiter anzunehmen verweigerte.
Es fügte sich aber, daß der Graf nach Ungarn verreiste und bei Raab, auf der Schütt, diesen Bereiter mit vielen Koppelpferden in dem Narrenkleid antraf, welcher seinen alten Herrn, wie er ihn erblickte, mit großen Freuden begrüßte und ein Pferd zu verehren anbot. Der Graf bedankt sich und will es nicht nehmen, als der Bereiter aber einen Diener ersieht, den er sonst am Hof wohl gekannt, gibt er diesem das Pferd. Der Diener setzt sich mit Freuden drauf, hat es aber kaum bestiegen, so springt das Pferd in die Höh und läßt ihn halbtot auf die Erde fallen. Zugleich ist der Roßtäuscher mit seiner ganzen Koppel verschwunden.
Kommentar: H. Speidel in: Notabil. polit., f. 397. Prätor.: Glückstopf, S. 173, 174.
Happel: Relat. curios., III, 521.
Quelle: Deutsche Sagen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), Kassel 1816/18, Nr. 99

